2 Orient und Okzident
Multikulturalismus ist in Venedig ein alter Hut. Das gab es schon vor 800 Jahren.
Startpunkt: Bahnhof Santa Lucia
Der Canale Grande liegt vor uns. Ahh. Durchatmen. Jetzt links in das Gewimmel der Straße Rio Tera Lista di Spagna in Richtung Rialto eintauchen. Der Straßenname lässt auf einen früheren Kanal schließen, aber unsere Füße bleiben - fürs Erste - trocken.
Bald sehen wir die erste Brücke. Die Ponte delle Guglie, die sich bei Annäherung als echte Schönheit entpuppt. Über die Brücke, dann links ein kleines Stück am Rio entlang, bis wir vor dem Sotoportego de Ghetto stehen. Sotoportegos sind kleine, niedrige Durchgänge unter den Häusern, die seit altersher als Abkürzungen dienen. Hm, scheint zu halten. Hinein und hindurch. Destination Ghetto Nuovo.
Dann stehen wir auf dem Campo, der das alte und neue jüdischen Zentrum von Venedig bildet. Angenehme Ruhe und ein Hauch von alter Religion und modernem Leben ist zu spüren. Wir schlendern über den Platz, dann die Calle Ghetto Vecchio einfach weiter und wandern bis zum Campo Sant' Alvise. Niemand da. Wir gehen unter dem Torbogen hindurch, halten uns links und tatsächlich, venezianische Normalität umgibt uns. Wir sehen einen Sportclub mit Schwimmbad in einer Stadt auf dem Meer, für Schüler und sonstige Bewohner. Kurios.
Nun weiter zu der Anlegestelle „St. Alvise“. Der Blick über die Lagune ist überwältigend. Wir setzen uns auf eine einsame Bank und schauen über das Meer. Falls gerade ein Vaporetto mit der Nase nach rechts ankommt, hüpfen wir kurz hinein (denn sicher haben wir uns ein Tagesticket gekauft ..) und steigen eine Station weiter an der Madonna dell 'Orto wieder aus. Alternativ bummeln wir durch die Gassen - nicht schwächeln - bis zum hübschen Campo Dei Mori.
In diesem Viertel lebten Kaufleute, die Handel mit dem vorderen Orient betrieben. Davon zeugen orientalisch gekleidete Steinfiguren an den Hauswänden und in der Nähe ein Kamelrelief am Ca' Cammello. Wir flanieren die Fondamenta dei Mori entlang und weiter bis zur Chiesa dell Abbazia della Misericordia. Schön ruhig ist es hier.
Wir laufen weiter in Richtung Canale Grande zum Ca' d'Oro, einem prächtigen - wenn nicht sogar der schönste - Palast der venezianischen Gotik am Canale Grande. Der Ca' d'Oro ist zu besichtigen und zeigt uns im Inneren den architektonischen Aufbau und die glanzvolle Wohnkultur eines typischen venezianischen Palastes aus dem 15. Jahrhundert. Garniert mit Kunstwerken aus der Gotik und dem Barock. Umwerfend schön. Interessant sowieso.
So langsam werden wir müde. Am Ende des Urban Walk wartet noch ein formidabler Höhepunkt, also nicht aufgeben! Wir wandern tapfer weiter und – Achtung! – müssen die letzten Meter auf der Hauptroute Richtung Rialto zurücklegen. Jetzt nicht die Nerven verlieren, mit der Ruhe ist es vorbei. Wir gliedern uns in die Touristenmassen ein und schwimmen mit dem Strom zur Rialtobrücke, biegen aber kurz davor ab in die Fondaco dei Tedeschi, der alten deutschen Handelsniederlassung und neuerdings moderner Luxustempel. Allein im Atrium einen Espresso zu trinken und sich umzuschauen erfreut das müde Herz und schont die Füße. Aber zum Schluss muss es doch noch sein – auf die Dachterrasse, der einzigen am Canale Grande - und man wird mit einem umwerfenden Blick über die Stadt belohnt.
Ab Rialto zurück.
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